• Die Welt der Snobs

    Schnellkurs in Überheblichkeit 

    “Wie reich er auch sein mag”, sagte schon der Soziologe Gustave Le Bon, “der Deutsche benimmt sich nie wie ein Gentleman.” Ganz richtig, bestätigt Antonius Moonen, ein selbsternannter Experte des Savoir vivre. Der 43jährige Lebenskünstler aus Burgund residiert gelegentlich in diesem barbarischen Germanien und musste feststellen: Hierzulande will man nicht nur ständig politisch und ökologisch korrekt handeln, sondern isst auch gerne Schweinebraten mit Pommes und drängelt sich an der Kasse vom Pennymarkt vor. Deutschland hat für Moonen daher beinahe osteuropäisches Ambiente – “die vielen Kohlsorten tragen sicherlich dazu bei!”

    Als Missionar in Sachen Luxus hat Moonen den Deutschen nun einen Leitfaden geschrieben, der zeigt, wie sie flugs blasiert und arrogant werden können. Erste Übung: Kaviar essen bis zum Abwinken! Damit erscheine diese Köstlichkeit schon weniger reizvoll. Wenn man eines Tages erneut Kaviar serviert bekomme, spüre man dann gleich das geringschätzige Gefühl, das für Snobs so wichtig sei. Die zweite Übung ist einfacher, tut aber gerade den “furchtbar geizigen” Deutschen zunächst sehr weh: Man legt sein Geld auf einem ausländischen Konto an und vergisst es. Moonen: “Einfach herrlich, diese arrogante Fahrlässigkeit.”

    Da das Arbeiten den Menschen zur Maschine erniedrige, sollte der Snob davon absehen. Lieber fahre er zu einem Brocateur nach Kaiserslautern, um einen verschlissenen Gobelin des 17. Jahrhunderts zu erwerben. Oder für ein paar Tage zum Möwenfüttern in die Krimdünen.

    Wozu das ganze Gehabe dienen soll? Damit die anderen Leute betteln, einem die feinen Ledersohlen lecken zu dürfen! Wenn einen jemand erwarten soll, dann, lehrt Moonen, muss man zu spät kommen. Wenn man Reichtum demonstrieren will, verfüttert man einfach einmal den Lachs vom Buffet an den Labrador; und wer Niveau beweisen will, der macht eine Darmspülung mit Champagner oder fährt nach Wuppertal ins Ballett. Natürlich nur, um dort nach ein paar Minuten demonstrativ gähnend wieder zu verschwinden. Überhaupt ist dem Snob nie etwas gut genug: von Autobahnraststätte bis Zeltplatz hat Moonen in einer Schwarzen Liste zusammengetragen, was der Überhebliche alles untermenschenhaft findet.

    Was den Geschmack anbetrifft, so sollte ein guter Snob wissen, dass der Schickimicki-Stil der neureichen Deutschen degoutant unoriginell ist. Man muss sich etwas einfallen lassen! Wer hat hierzulande schon Handschuhe aus Wüstenmausfell oder einen uralischen Lynx als Haustier? Das ist le chic du chic! Man liest ja auch nicht Jostein Gaarder oder Günter Grass, sondern die Korrespondenz der Gräfin Anna de Noailles und Maurice Barrès – im Original, versteht sich.

    Niemals, aber auch wirklich niemals würde der Snob übrigens ein Taschenbuch in die Hand nehmen. Warum Moonens eigener Leitfaden dann nicht wenigstens einen Schweinsledereinband hat? Weil es ihm natürlich zu lästig war, all die Verlagsangebote auf seinem Kosoholztisch durchzusehen.

    (Critique publiée dans la Leipziger Volkszeitung)